Stellungnahme des VBS (Verbandes für Blinden- und Sehbehindertenpädagogik e. V.; Landesverband Schleswig-Holstein) zum Entwurf des Lehrkräftebildungsgesetzes vom 03.12.2013

Der VBS sieht angesichts einer sich verändernden Schulstruktur und der schulpolitischen Umsetzung der UN-Konvention zu den Rechten Behinderter die grundsätzliche Notwendigkeit einer veränderten Lehrerbildung. Wir begrüßen vor diesem Hintergrund ausdrücklich die angestrebte Stärkung der Kompetenzen zur individuellen Förderung von Schülerinnen und Schülern und zum Umgang mit ihren unterschiedlichen Leistungen, Begabungen, ihrem Alter und Geschlecht sowie ihrer sozialen und kulturellen Herkunft (Heterogenität).
Wir sehen jedoch die Gefahr einer grundlegenden Abwertung spezifischer sonderpädagogischer Kompetenzen zugunsten einer übermäßigen fachlichen Schwerpunktsetzung innerhalb des geplanten Studienganges für das Lehramt für Sonderpädagogik. Sichtbar wird dies insbesondere in § 17 (Studium für das Lehramt für Sonderpädagogik):
" Abweichend (...) umfassen Studiengänge (Bachelor und Master), die auf das Lehramt für Sonderpädagogik vorbereiten, ein allgemeinbildendes Fach, Bildungswissenschaften und Sonderpädagogik. Das Studium soll zudem zwei sonderpädagogische Fachrichtungen umfassen. Die Studiengänge sollen so ausgestaltet werden, dass Lehrkräfte für Sonderpädagogik mit dem allgemeinbildenden Fach in allen Schularten und Schulstufen eingesetzt werden können."
Sonderschullehrkräfte sind auch bisher schon in ihrer Ausbildung zum Unterrichten in verschiedenen Schulformen und –stufen befähigt worden. Wenn dieser Aspekt jetzt explizit und als neu hervorgehoben wird, wird damit nichts anderes als die „Verwertbarkeit“ dieser Lehrkräfte zu Gunsten des allgemeinen Schulsystems angestrebt. Damit wird die Qualität der sonderpädagogischen Kompetenz an die Befähigung systemkonformen Funktionierens gekoppelt und in deren Abhängigkeit gebracht. Beabsichtigt oder nicht: Auf diese Weise wird die Sonderpädagogik, die sich über viele Jahrzehnte in Forschung, Lehre und Praxis einem ganzheitlichen Bildungsangebot zur Lebensbewältigung von Menschen mit Behinderung verpflichtet sah und weiterhin sieht, reduziert und systemkonform funktionalisiert. Diese Aussicht ist umso verheerender, als allgemein bekannt sein dürfte, dass sich das allgemeine Schulsystem –wenn überhaupt– erst in den frühen Anfängen befindet, sich von einem ausgliedernden zu einem inklusiven System zu entwickeln. Dieser Entwicklungsprozess wird erfahrungsgemäß noch mindestens zwei Jahrzehnte andauern, in der der Sonderpädagogik eine maßgebliche, diesen Prozess unterstützendendeRolle zukommen muss, damit die Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf eine der aktuellen sonderpädagogischen Expertise entsprechende Chance zur persönlichen Entwicklung erhalten.
Die Aussagen in § 17 gehen konform mit denaktuellen Planungen, die Sonderschullehrkräfte des Landes perspektivisch in größerer Zahl den allgemeinbildenden Schulen zuzuordnen, womit ohne Not ein bewährtes Förderzentrumskonzept aufgegeben wird. So ist aufgrund der bisherigen Erfahrungen z. B. absehbar, dass die sonderpädagogischen Lehrkräfte in Zukunft Gefahr laufen, zur Deckung des allgemeinen fachlichen Unterrichtsbedarfes, ggf. in der Rolle des "Lückenfüllers", eingesetzt zu werden, wenn keine eigenen Förderzentrumsleitungen dagegen erfolgreich intervenieren können. Zugleich werden die sonderpädagogischen Lehrkräfte sich auf die fachlichen Unterrichtsanforderungen konzentrieren müssen, um den umfassenden Anforderungen einer Schulstufen und Schularten übergreifenden fachlichen Unterrichtskompetenz persönlich gerecht werden zu können.
Sonderschullehrkräfte, die einen Beitrag zur Entwicklung einer inklusiven Schule leisten sollen, benötigen jedoch neben Zeit und Raum auch Kompetenzen jenseits unterrichtsfachlicher Aspekte, z.B. in Bezug auf Beratung, individueller Diagnostik, Systemanalyse, Konfliktmanagement oder Teamarbeit, um gemeinsam mit den allgemeinbildenden Lehrkräften positive Bedingungen für ein inklusives Lernen herstellen zu können. Zugleich ist Sonderpädagogik in ihrem Kernauftrag und Selbstverständnis darauf ausgerichtet, Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf in ihren spezifischen lebensweltlichen und biographischen Kontexten individuell zu unterstützen und zu begleiten. Auch und gerade hierfür bedarf es umfassender professioneller Kompetenzen, die nicht als Randnotiz neben dem unterrichtlichen Einsatz "en passant" entwickelt werden können. Zu den sonderpädagogischen Inhalten und Aufgaben in diesem Zusammenhang empfehlen wir die Aussagen der KMK von 2011 (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 20.10.2011; IV Personal im inklusiven Unterricht).
Der VBS schlägt daher vor, den unterrichtlichen Einsatz der Lehrkräfte für das Lehramt für Sonderpädagogik zu begrenzen, dafür in der Ausbildung insbesondere auch die Beratungskompetenzen zu fördern und deren Anwendung in der Praxis einen angemessenenRaum zu geben. Entsprechend ist auch auf eine Befähigung zum Einsatz innerhalb der Sekundarstufe II zugunsten der Entwicklung und kontinuierlichen Professionalisierung spezifischer sonderpädagogischer Kompetenzen zu verzichten.

Für den Landesverband der Blinden-
und Sehbehindertenpädagogik

Alfreda Henß
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Sonderpädagogik in der Inklusion
Das Landesförderzentrum Sehen, Schleswig (LFS)
als Förderzentrum in der Inklusion

In der aktuellen Debatte um die Weiterentwicklung der Sonderpädagogik und ihrer Organisationsform in der Inklusion werden unterschiedliche Konzepte diskutiert, darunter auch die künftige Rolle der Förderzentren. Diese wird ebenso kritisch hinterfragt wie ihre Existenzberechtigung überhaupt. Wer das Förderzentrumskonzept Schleswig-Holsteins infrage stellt, macht auch vor den Landesförderzentren nicht halt.
Unabhängig davon, dass wir vom schleswig-holsteinischen Förderzentrumskonzept überzeugt sind, weil es sich über die Jahre bewährt hat und sich stetig weiterentwickelt, möchten wir nachfolgend noch einmal ein paar Fakten zur Arbeit und zur Organisationsform des Landesförderzentrums Sehen, Schleswig (LFS) in Erinnerung rufen und in die Diskussion einbringen:

- Das LFS unterstützt und berät derzeit ca. 930 junge Menschen mit Sehschädigung und ihr Umfeld in ganz Schleswig-Holstein. Der Arbeitsauftrag der - ausschließlich - wohnortnahen Unterstützung umfasst die Altersbereiche vom Früh- und Elementarbereich über alle Schulformen bis zum Ende der Ausbildung.

- Das LFS leistet diese Arbeit derzeit mit etwa 80 Personen (ca. 49 SoL-Stellen, ca. 11 FL-Stellen und zuarbeitendem Schulträgerpersonal), fachlich spezialisiert nach den Arbeitsschwerpunkten Früh- und Elementarbereich, alle Schulformen mit Differenzierungen nach Sehbehinderung und Blindheit sowie berufsbildender Bereich. Neben den LFS-Lehrkräften, die den jungen Menschen mit Sehschädigung vor Ort fest zugeordnet sind, verfügt das LFS über Lehrkräfte mit spezifischen Kompetenzen wie Sehdiagnostik, Mobilitätserziehung, Lebens- und Arbeitspraktische Fertigkeiten, einen Psychologen sowie Lehrkräfte mit zusätzlichen Laufbahnbefähigungen. Diese kommen bedarfsbezogen für alle Schüler/innen zum Einsatz, um eine individuell angemessene Unterstützung zu gewährleisten.

- Die sonderpädagogische Unterstützung, die bei den jungen Menschen mit Sehschädigung ankommt, besteht u. a. aus der
  • Unterstützung und Beratung vor Ort, die in und mit den Bildungseinrichtungen, den Familien und bei den sonstigen am Bildungs- und Ausbildungsprozess beteiligten Personen stattfindet und die je nach individueller Disposition und Umfeld unterschiedliche fachliche Aspekte beinhaltet wie:
    • Barrierefreiheit im umfassenden Sinne
    • Diagnostik, didaktisch-methodische Fragen des Unterrichts bei Sehschädigung, individuelle Förderung oder Nachteilsausgleich
    • Arbeitsplatzgestaltung und Hilfsmittelausstattung/-beschaffung
    • Berufsorientierung und Ausbildung bei Sehschädigung
    • Orientierung, Mobilität, lebenspraktische Fertigkeiten und weitere soziale wie kommunikative Kompetenzen
    • soziale Integration in Schule, Ausbildung und sonstigem Umfeld.

 zusätzliche Leistungen im LFS in Schleswig:
  • Peer-Group-Angebote in unserem Kurssystem (ca. 40 Kurse pro Jahr), wo mit Unterstützung der Eingliederungshilfe Schüler/innen mehrfach im Jahr an Kursen mit unterschiedlichen Bildungsinhalten teilnehmen können.
  • Seminare für das pädagogische Personal in den Bildungseinrichtungen vor Ort zur Fortbildung für die Arbeit mit sehgeschädigten jungen Menschen, zu spezifischen Fragen des Unterrichts oder des Umgangs mit Sehschädigung (ca. 30 pro Jahr).
  • Umfängliches Medienzentrum mit Hilfsmitteln unterschiedlicher Art zur individuellen Erprobung und Ausstattung der Schüler/innen; Unterrichtsmaterialien, Lehr- und Lernmittel für den themen- und fachbezogenen, zeitlich begrenzten Einsatz vor Ort.
Des Weiteren ist das LFS in Schleswig der Ort, an dem die Leitung und Logistik für die vor Ort agierenden Kolleginnen und Kollegen angesiedelt sind. Diese treffen sich regelmäßig in Schleswig. Dadurch ist eine enge Anbindung an das LFS gewährleistet und die fachliche Kompetenz gesichert.
Das LFS-Medienzentrum und das LFS-Kurssystem haben ebenso wie das LFS-Gesamtkonzept in Fachkreisen einen bundesweiten und darüber hinaus gehenden Ruf und sind an vielen Stellen in Teilen oder in Gänze kopiert worden. In diesem Schuljahr dürfen wir auf 30 Jahre erfolgreiche Arbeit zurückblicken und sind überzeugt, dass unsere Organisationsform alternativlos ist. Dazu ein paar Fakten:

 Statistisch kommen auf 500 Schülerinnen und Schüler ein/e Schüler/in mit Sehbehinderung, auf 10.000 Schülerinnen und Schüler kommt statistisch ein/e Schüler/in mit Blindheit. Bei einer Zuordnung der personellen Ressourcen an einzelne Schulen oder Schulämter vor Ort wäre die Anzahl der Schüler/innen mit Sehschädigung zu gering, um die spezifische Unterstützung Sehgeschädigter in der notwendigen fachlichen Differenzierung (vor-schulischer bis berufsbildender Bereich; Blindheit/Sehbehinderung) leisten zu können.

- Die o. g. sächlichen Ressourcen setzen eine bestimmte Größenordnung voraus, um sie in einer Qualität vorhalten zu können, die der heutigen Technik, der Entwicklung der Medien und den Unterrichtsanforderungen einigermaßen entsprechen. Kleinere Organisationsformen könnten den Schüler/innen vor Ort keine entsprechende Qualität bieten, von wohlhabenden Kommunen oder Kreisen vielleicht abgesehen.


- Weder das bewährte Peer-Group-Angebot, das bei der geringen Prävalenzrate im Sehgeschädigtenbereich dem Begriff gerecht würde, wäre unterhalb der Landesgröße vorzuhalten noch das

- Seminarangebot für das pädagogische Personal vor Ort und andere professionell am Bildungsprozess beteiligte Personen könnte in differenzierter Form stattfinden.

Eine moderne, flexible, fachlich angemessene Versorgung im Sinne einer „Servicestelle“ für Sonderpädagogik in der Inklusion, wie sie von Inklusionspädagogen gefordert wird und für die das LFS als Prototyp steht, kann nur bei einer Größenordnung, wie sie derzeit mit dem LFS in Schleswig-Holstein gegeben ist, funktionieren.
Selbstverständlich verschließen wir uns neuen Entwicklungen nicht und arbeiten daran, die Qualität unserer Arbeit stetig zu verbessern. Deshalb sind wir
einerseits weiterhin an Rückmeldungen und Anregungen interessiert, wünschen uns andererseits aber auch, dass in Diskussionen auf die hier noch einmal dargestellten Fakten verwiesen wird.
Weitere Informationen über unsere Arbeit versenden wir auf Anfrage gerne, verweisen auch auf unsere Homepage
(www.lfs-schleswig.de) und auf unsere Kolleginnen und Kollegen vor Ort, die als LFS-Ansprechpartner/innen zur Verfügung stehen.
 
Schleswig, Januar 2014

Josef Adrian
Leiter des LFS


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